gastgeber_1Ihre Gastgeber sind Lutz und Laila Kleveman sowie das gesamte Team von Gut Ankelohe. Lutz Kleveman ist auf Gut Ankelohe aufgewachsen, war nach dem Studium lange als Journalist im Ausland unterwegs und ist heute nebenberuflich Buchautor. Laila Kleveman kommt aus Potsdam und ist Kunsthistorikerin. Im Herbst 2009 haben Lutz und Laila Kleveman geheiratet und sind zusammen aufs Gut Ankelohe gezogen, um hier ihre Träume zu verwirklichen.

Das Gut Ankelohe ist seit fünf Generationen im Besitz der Familie Kleveman. Im Jahre 1873 kaufte es Johan Heinrich Kleveman, ein Kaufmann aus Oldenburg. Sein Sohn Theodor und dessen Frau Helene erbauten um die Jahrhundertwende die Stallungen, die heute als Gruppenhäuser dienen. Wie es damals auf Gut Ankelohe zuging, hat Urenkel Lutz Kleveman in seinem Buch ‚Kriegsgefangen‘ (erschienen 2011 im Siedler-Verlag) beschrieben:

„Schon als ich mir die Photos von vor hundert Jahren angesehen hatte, kamen sie mir vor wie aus einer anderen Welt, die lange untergegangen war. Sicher, ich erkannte das schnörkellos nüchterne, mit Efeu und wildem Wein umrankte Gutshaus wieder und einige ziegelrote Stallungen, damals noch mit Reet gedeckt, dann die Dorfstraße, seinerzeit noch mit Kopfsteinpflaster, auch junge Bäume auf dem Hof, die heute alte Riesen sind. Aber was trugen diese Menschen, meine Vorfahren, doch für sonderbare Kleidung, wie ernst waren ihre Gesichter, wie bescheiden sahen die Möbel aus, wie altmodisch die Kutschen. So viele Pferde, Reitpferde und Ackergäule, Knechte und Tagelöhner, Dienstboten und Mägde, wie schlicht und derb sie aussahen. Und immer wieder Photos von [meinem Großvater] Hans-Heinrich und seinen beiden älteren Brüdern, erst in Matrosenanzügen, später nur noch in Kadetten- und Offiziersuniformen. Prächtig sahen sie aus und doch unnahbar, schwarz-weiß leblos, wie Zinnsoldaten. […]

Nun allerdings, während Mutter mir viele Stunden lang aus Helenes Tagebüchern vorlas, wurden da langsam Stimmen laut. Vor unseren Augen entstanden Bilder und Klänge vom Leben auf Gut Ankelohe zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg, Bilder vom Alltag in diesem Haus, in dem wir gerade saßen, hundert Jahre später, nur noch zu zweit, dort, wo damals zwanzig, wenn nicht dreißig Menschen wohnten, wo ständig Füße die große Treppe im Foyer rauf und runter trappelten, wo vielstimmig geredet, gelacht und gestritten wurde, gearbeitet und getanzt. Welch ein Leben herrschte damals in diesem Haus!

Dabei ging es nie besonders feudal zu. Statt Gutsherrlichkeit wie bei Guldenburgs bestimmten Arbeit und finanzielle Nöte das Dasein. Helenes Schwiegervater, mein Ururgroßvater Johan Heinrich Kleveman, ein Kaufmann aus Oldenburg, hatte das Gut Ankelohe mit etwa 200 Hektar Land im Jahre 1873 für einen viel zu hohen Preis gekauft. Da er nichts von Landwirtschaft verstand, schon gar nicht auf den kargen Moor- und Sandböden um Ankelohe, wo vor der Erfindung des Kunstdüngers fast nur Heide wuchs, setzte er Verwalter ein, die aber lieber in die eigene Tasche wirtschafteten. Als Schulden und Hypothekenlasten zu hoch wurden, übergab er den Hof seinem Sohn Theodor, damit der ihn wieder in Schwung bringe. Eigentlich wollte Theodor, mein Urgroßvater, lieber Karriere bei der Armee machen. Er hatte als Freiwilliger am preußisch-französischen Krieg von 1870/71 teilgenommen und war nun als Leutnant der Infanterie in Hameln stationiert, wo er sich gerade mit einer hübschen Bürgerstochter verlobt hatte: Helene.

Es half nichts, gleich nach ihrer Hochzeit 1881 ziehen Theodor und Helene von Hameln aufs Land. Für Helene ist der Umzug zunächst ein Schock: Ankelohe liegt damals noch weltabgeschiedener als heute, ein Bauerndorf von 200 Seelen am Ende eines sandigen Feldwegs, umgeben von nassem Moor, Wäldern aus Birken und Eichen, Heidefeldern und einem großen See, der oft monatelang über die Ufer tritt und die Weiden überschwemmt. Die Landschaft hat eine herbe, zauberhafte Schönheit, aber sie ist unwegsam. Von der Endstation der Postkutsche im Nachbardorf führt der direkte Weg nach Ankelohe mit dem Ruderboot über den See. Nicht einmal eine Kirche gibt es, zum nächstgelegenen Sonntagsgottesdienst dauert die Kutschfahrt auf regenverschlammten Sandwegen oft mehrere Stunden.

Ihre neue Heimat muss dem Stadtkind Helene wie das Ende der Welt vorgekommen sein. Anders als in ihrem Elternhaus in Hameln wird auf Gut Ankelohe das Wasser noch aus Brunnen geschöpft, für die Notdurft geht man auch im Winter durch den Garten zum Plumpsklo-Häuschen. Heizen kann man das Gutshaus nur mit Kachelöfen und den Herden in der Küche, die mit Holz und Torf befeuert werden. Licht geben Gaslampen, denn Elektrizität kommt erst nach dem Ersten Weltkrieg nach Ankelohe. Neuigkeiten von der Außenwelt erhält man im Dorf mit Tagen Verspätung. Radio gibt es natürlich noch nicht, die von Theodor abonnierten Zeitungen sind meist von voriger Woche. Die wichtigsten Informationsquellen sind die Post, die im Nachbardorf abgeholt werden muss, und telegraphierte Depeschen, die ein Kurier überbringt.

Aber Helene liebt ihren Mann, und gemeinsam gehen sie daran, die Schulden des Vaters über Jahrzehnte abzuarbeiten. Sie lassen braches Heideland umbrechen und investieren in neue Ställe für Kühe, Schafe und Schweine. Helene kümmert sich um Haus und Garten, Theodor um den Hof und die Politik. Er lässt sich in den Kreistag wählen, später kandidiert er, erfolglos, für den Reichstag. Sie bekommen drei Söhne: Paul-Udo, Kuno und Hans-Heinrich. „Unser Dreiblatt“ nennt Helene die Knaben stolz und liebevoll in ihrem Tagebuch. Und doch wünscht sie sich immer eine Tochter. Daher und als zusätzliche Einnahmequelle wandelt Helene das Gutshaus nach und nach in ein privates Mädchenpensionat um, wo wohlhabende Bürgerstöchter aus Hameln, Hannover und Bremen nach der Schule ein oder zwei Jahre lang das Landleben kennenlernen können. Bis zu zwanzig Pflegetöchtern gleichzeitig bringt Helene Haus- und Gartenarbeiten, Kochen und Nähen, aber auch Tanzen und Tennisspielen bei. Statt mit Strenge behandelt sie „ihre Jugend“, wie Helene die Mädchen nennt, eher mit mütterlicher Liebe und freiem Geiste. Abends wird beim Schein der Gaslampen gelesen, erzählt und Theater gespielt.

Wie sehr den Stadttöchtern ihre Zeit auf Gut Ankelohe gefällt und wie sie ihre Pflegemutter Helene verehren, habe ich aus den Briefen ehemaliger Pensionärinnen erfahren, die sich unter den Fundstücken in der geheimnisvollen Schublade befanden. Auch erinnere ich mich an mehrere hochbetagte Damen, die in meiner Kindheit meist unangekündigt zu Besuch kamen. Eine von ihnen, obwohl schon weit über 90 Jahre alt, war die fünf Kilometer von der Bushaltestelle zu Fuß zu uns gelaufen. Ich war schwer beeindruckt, doch die alte Dame winkte ab: „Das haben wir doch damals auch immer so gemacht.“ Als Grund ihres Besuchs gab sie an, vor ihrem Tode noch einmal Ankelohe sehen zu wollen. Fast achtzig Jahre waren seit ihrem Aufenthalt vergangen, doch bei Kaffee und Kuchen schwärmte sie davon als der schönsten Zeit ihres Lebens. „Es war die Zeit, bevor der Ernst des Lebens begann“, sagte sie mir. „Hier war das Paradies auf Erden.“ Mein Vater, der ja erst viel später geboren wurde, fragte sie, ob sie sich noch an meinen Großvater Hans-Heinrich erinnern könne. „Na klar, das war doch der Jüngste, für den haben wir alle geschwärmt. Wir nannten ihn immer ‚Klein-Hänschen‘!“

Das Paradies auf Erden, bessere Werbung hätte sich Urgroßmutter Helene wohl nicht wünschen können. Das Pensionat, das damals in einem Baedecker-Reiseführer über die Nordseeküste erwähnt wird, läuft bald so gut, dass das Gutshaus im Jahre 1907 um ein Stockwerk erweitert werden muss. Nun hat es die heutige Gestalt mit den hohen, flachen Giebeln, einer großen, verglasten Holzveranda vor dem Eingang an der Querseite und innen etwa zehn neuen Zimmern mit vielen großen Fenstern, verbunden durch einen breiten Flur. Mühen und Fleiß lohnen sich, die Schulden schmelzen, für die Erziehung der Söhne kann etwas Geld zurückgelegt werden. Herr und Frau Hauptmann, wie Theodor und Helene überall heißen, sind über das Dorf hinaus angesehen und schließen Freundschaften mit Akademiker-Familien in der benachbarten Kleinstadt. Haus, Hof und Familie stehen in voller Blüte.“

Der Erste Weltkrieg zerstört die Idylle auf Gut Ankelohe. Von den drei Söhnen, allesamt Offizieren, wird einer in Belgien verwundet, der zweite fällt in Frankreich, und Hans-Heinrich gerät in jahrelange russische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr übernimmt er das Gut, zusammen mit seiner Frau Theda, aber er bleibt zugleich der Armee verbunden. Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs übergibt Hans-Heinrich die Landwirtschaft an seinen Sohn Udo und dessen Frau Reinhild, die erstmals auch Feriengäste im Gutshaus und im Roten Haus aufnimmt. Nach dem Tod von Udo 1997 lassen Reinhild, Sohn Lutz und dessen junge Frau Laila die maroden, alten Stallungen sanieren und bauen das Gut Ankelohe zum heutigen Seminar- und Ferienhof aus. Um an die Lebensleistung gerade der weiblichen Vorfahren auf Gut Ankelohe zu erinnern und vielleicht die friedliche Idylle aus der Mädchenpensionats-Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wieder aufleben zu lassen, haben Lutz und Laila das neue Bed&Breakfast im Gutshaus nach der Urgroßmutter Helene benannt.